Erstgespräch

Der Quellcode gehört Ihnen. Warum das wichtig ist und was Sie dafür brauchen

Software, die Sie bezahlt haben, gehört nicht automatisch Ihnen. Was Quellcode ist, warum der Besitz über Ihre Unabhängigkeit entscheidet, was im Vertrag stehen muss und woran Sie erkennen, dass die Übergabe vollständig war.

Ein Betrieb lässt eine Anwendung bauen, nutzt sie fünf Jahre, und dann stellt der Anbieter den Betrieb ein, verdoppelt die Preise oder antwortet nicht mehr. Was dann passiert, hängt an einer Frage, die beim Vertragsabschluss niemand gestellt hat: Wem gehört der Quellcode, und wo liegt er? Dieser Artikel erklärt, was Quellcode ist, warum er Ihnen gehören sollte und was dafür nötig ist.

Was Quellcode ist

Software besteht aus Text, den Menschen oder KI-Werkzeuge geschrieben haben und den eine Maschine in ein laufendes Programm übersetzt. Dieser Text ist der Quellcode. Wer ihn hat, kann die Software verstehen, ändern, auf einen anderen Server bringen und von jemand anderem weiterentwickeln lassen. Wer nur das laufende Programm hat, kann es benutzen, solange es läuft. Mehr nicht.

Zum Quellcode gehören noch ein paar Dinge, ohne die er wenig nützt: die Beschreibung, wie man ihn in ein laufendes Programm verwandelt, die Struktur der Datenbank, die Zugangsdaten zu den Diensten, die die Anwendung nutzt, und eine Dokumentation, die erklärt, was wo liegt. Fehlt eines davon, hat man einen Haufen Text und kein Werkzeug.

Warum der Besitz entscheidet

  • Anbieterwechsel: Wenn Sie den Quellcode haben, kann jeder Entwickler weitermachen. Wenn nicht, beginnt das Projekt von vorn.
  • Preisverhandlung: Ein Anbieter, der weiss, dass Sie gehen können, verhandelt anders als einer, der weiss, dass Sie nicht können.
  • Weiterleben des Anbieters: Agenturen schliessen, Entwickler wechseln den Beruf. Ihre Software sollte das überleben.
  • Eigene Änderungen: Mit KI-Werkzeugen wie Claude Code kann heute Ihr eigenes Team kleine Änderungen machen. Das setzt voraus, dass es den Code hat.
  • Prüfbarkeit: Sicherheit, Datenschutz, Korrektheit der Berechnungen lassen sich nur prüfen, wenn jemand hineinschauen kann.

Was das Gesetz sagt und was nicht

Das Schweizer Urheberrecht schützt Software als Werk, und die Rechte daran entstehen bei der Person, die sie geschaffen hat. Für Angestellte regelt Artikel 17 des Urheberrechtsgesetzes, dass die Nutzungsrechte an Software, die im Arbeitsverhältnis entsteht, dem Arbeitgeber zustehen. Für externe Auftragnehmer gilt das nicht. Wenn Sie eine Agentur beauftragen und im Vertrag nichts steht, haben Sie bezahlt, aber die Rechte liegen bei der Agentur. Sie dürfen die Software dann in der Regel nutzen, aber nicht ohne weiteres ändern oder weitergeben.

Dazu kommt eine neue Frage: Code, den ein KI-Werkzeug erzeugt hat, ist kein Werk eines Menschen, und ob und wie er urheberrechtlich geschützt ist, ist nicht abschliessend geklärt. Umso wichtiger ist eine vertragliche Regelung, die nicht vom Urheberrecht abhängt: Der Auftragnehmer überträgt alle Rechte, soweit sie entstehen, und räumt dem Auftraggeber in jedem Fall ein unbeschränktes Recht zur Nutzung, Änderung und Weitergabe ein.

Was im Vertrag stehen muss

  1. Übertragung aller Rechte am Ergebnis an Sie, soweit übertragbar, und ein unbeschränktes, unwiderrufliches Nutzungs-, Änderungs- und Weitergaberecht.
  2. Herausgabe des vollständigen Quellcodes bei Übergabe und auf Verlangen jederzeit, einschliesslich Baubeschreibung, Datenbankstruktur und Dokumentation.
  3. Offenlegung aller verwendeten Bausteine von Dritten (Bibliotheken, Dienste) mit ihren Lizenzen. Open-Source-Bausteine sind üblich und unproblematisch, aber Sie sollten wissen, welche drin sind.
  4. Zugangsdaten und Konten auf Ihren Namen: Hosting, Domain, Datenbank, E-Mail-Versand, KI-Anbieter. Nicht auf den Namen der Agentur.
  5. Keine Abhängigkeit von Werkzeugen, die nur der Anbieter hat: Der Code muss sich mit frei verfügbaren Mitteln bauen und betreiben lassen.

Wie wir es handhaben

Der Quellcode liegt von der ersten Woche an in einem Repository, also einem versionierten Ablageort, der auf Ihren Namen läuft. Sie sehen jede Änderung, während sie passiert, nicht erst bei der Übergabe. Hosting, Domain und alle Dienste laufen auf Ihre Konten; wir haben Zugang, solange Sie ihn uns geben. Bei der Übergabe bekommen Sie eine technische Dokumentation, die so geschrieben ist, dass ein fremder Entwickler die Anwendung in einem Tag versteht. Das ist unser Modul 09, und es ist nicht optional.

Wir bauen mit verbreiteten, offen dokumentierten Bausteinen, für die es viele Entwickler gibt. Das ist bewusst: Software, die nur wir verstehen, würde Sie an uns binden, und das wollen wir nicht. Wer bleibt, soll bleiben, weil die Arbeit gut ist.

Checkliste für die Übergabe

  • Haben Sie Zugang zum Repository, mit Besitzerrechten, nicht nur Leserechten?
  • Läuft das Hosting auf Ihrem Konto, und haben Sie die Rechnung dafür schon einmal gesehen?
  • Gibt es eine Anleitung, wie man die Anwendung aus dem Quellcode baut und startet, und hat sie jemand ausprobiert, der nicht am Projekt war?
  • Liegen alle Zugangsdaten in einem Passwortmanager, der Ihnen gehört?
  • Ist die Datenbank sicherbar und wiederherstellbar, und wurde das einmal getestet?
  • Steht die Rechteübertragung schriftlich im Vertrag?

Wenn Sie heute eine Anwendung im Einsatz haben und bei einer dieser Fragen zögern, lohnt es sich, sie dem Anbieter zu stellen, solange das Verhältnis gut ist. Wenn Sie ein neues Projekt planen, gehören sie ins Erstgespräch, bei uns und bei jedem anderen.

Häufige Fragen

Was ist mit Software, die der Anbieter auch anderen Kunden verkauft?

Dann ist es ein Produkt, keine Individualsoftware, und der Anbieter wird die Rechte behalten wollen. Das ist legitim, muss aber klar sein: Sie kaufen dann eine Lizenz, und die Fragen nach Preis, Laufzeit und Datenexport werden wichtiger als die nach dem Quellcode.

Können wir den Quellcode einfach so an einen anderen Entwickler geben?

Wenn die Rechte bei Ihnen liegen: ja. Der neue Entwickler braucht dann die Dokumentation, die Baubeschreibung und Zugang zu Hosting und Diensten. Wie schnell er sich zurechtfindet, hängt davon ab, wie verbreitet die Bausteine sind und wie gut die Übergabe dokumentiert wurde.

Was ist mit dem Code, den unser Team mit Claude Code selbst ändert?

Der gehört ohnehin Ihnen, weil Ihre Angestellten ihn im Arbeitsverhältnis erstellen. Wichtig ist nur, dass die Änderungen im selben Repository landen und nicht auf einem einzelnen Rechner liegen bleiben. Das richten wir bei der Einführung von Weg A so ein.

Geschrieben vonJonas SchädeliGründer · Software, Web & KI

Kommt aus dem digitalen Produktmanagement: hat Software gebaut, betreut und optimiert. Führt bei Synesis jedes Projekt selbst, vom Erstgespräch bis zur Abnahme, und baut Anwendungen mit KI, etwa den Pumpenauslegungs-Auftritt für Biral und den 3D-Konfigurator mit CRM und Produktionsportal für Nokto. Versteht zuerst den Ablauf, legt dann Architektur und Schnittstellen fest und prüft jede Änderung, bevor sie live geht.

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